91 mal hinschauen
Was heißt es, sich im Wein fotografisch von gelernten Bildern zu befreien?

Autor/FotosJulius Hirtzberger
Autor/FotosJulius Hirtzberger
Als jemand, der sehr nahe am Wein aufgewachsen ist und sich gleichzeitig der Fotografie zugewandt hat, brachte mich die ÖTW auf die herausfordernde Mission, nahezu über ein ganzes Jahr verteilt einen signifikanten Teil der österreichischen Weinwelt, ihre 91 Mitgliedsbetriebe, auf unterschiedliche Weise zu porträtieren. 91 Weingüter, 91 Menschen, Orte und Zugänge zum Wein. Ich möchte hiermit einen kleinen Einblick in diese Reise geben und auch ein persönliches Best-of der entstandenen Bilder vorstellen.


Ein frischer Blick auf Wein. Und das gleich 91 Mal?
Ich habe meine fotografische Karriere in der Heimat, der Wachau und in deren benachbarten Weinregionen begonnen. In den Weinbergen eines mir familiär nahestehenden Weinguts habe ich meine ersten Filmrollen belichtet. Dennoch hat mich mein Weg fotografisch bald weit über den Wein hinausgeführt. Die Anfrage der ÖTW verband schließlich das, was mich ursprünglich zur Fotografie gebracht hatte, mit dem, was ich in der großen weiten Welt erlebt und gelernt hatte – quasi back-to-the-roots für meine Fotografie.
"Bei Weingütern – und noch dazu potenziell 91, dachte ich zunächst an endlose Repetition von Tanks, Fässern, Weingarten-Zeilen, Weinstöcken, Gläsern und Flaschen. Am größten war allerdings der Respekt vor den womöglich begrenzten eigenen Fähigkeiten."
Denn meine ästhetikgetriebene Bildsprache folgte gewissen erarbeiteten Heuristiken und ein paar für mich zum Standard gewordenen, immer wieder neu aufgegossenen „Schmähs”. Diese 91-mal angewandt, ließ mich eine gewisse Ermüdung des Publikums bzw. meiner Kund:innen befürchten.
Genau das wurde zum Reiz. Ich wollte einen Blick entwickeln, der Weingüter nicht einfach nur schön abbildet, sondern einen, der unkonventionell, progressiv und trotzdem fundiert ist. Eben nicht 91-mal Menschen mit Weingläsern in schönes weiches Licht von der Seite zu stellen, weil es eben gut aussieht. Es lag an mir, genau diese Unterschiede zu erkennen, zu interpretieren und schließlich an Ort und Stelle in eine zusammenhängende Erzählung zu gießen.


Wo liegt der Schlüssel, wenn ich keine feste Formel mehr anwende?
An erster Stelle stand Interesse. Interesse an den Winzer:innen selbst, ihrer Umgebung, ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, Überzeugungen und dem daraus abgeleiteten Handeln. Und dann hieß es: beobachten, Nuancen lesen, verstehen, interpretieren, Schlüsse ziehen, zur Kamera greifen, Unkonventionelles tun.

Ein Foto, das das Chaos nicht beschönigt.

Ein Foto, das aus einem unkontrollierbaren Moment entstanden ist.
"Je mehr Weingüter ich in kurzer Zeit besuchte, desto mehr wurde mir bewusst, wie eindeutig und nachvollziehbar sich diese Parameter wie ein Puzzle zum Endprodukt Wein zusammensetzen – faszinierend! Ich habe bis zu drei Weingüter am Tag in relativ wenigen konzentrierten Wochen kennengelernt – diese dichten Abstände ließen die auf den ersten Blick oft sehr nuancierten Unterschiede nochmals deutlicher erkennbar werden."
Die 91 Weingüter haben mir mein
Zuhause neu gezeigt
Obwohl Niederösterreich und Wien meine erweiterte Heimat sind, hat mir dieses Projekt die vinophilen Möglichkeiten dieses Landes noch einmal auf völlig neue Weise nähergebracht. Das gilt im räumlichen, landschaftlichen und kulturellen Sinne, wie auch für die vielen ausgesprochen bemerkenswerten und interessanten Menschen, denen ich im Zuge dieses Projekts begegnet bin. Und letztlich natürlich auch dafür, wie stark sich dabei mein amateurhafter Weinhorizont erweitert hat.
Über den Autor

Julius Hirtzberger
Fotograf
Geboren 1991, Vergangenheit im Profisport, hat sich nach Erlangung bescheidener, und obendrein fachfremder akademischer Grade, der Fotografie zugewandt; lebt mit kleiner Familie in Wien und Spitz/Donau. International ausgerichteter Fokus auf die Bereiche Design, Kunst, Interior, Portrait sowie Reportage. Die Ergebnisse tauchen regelmäßig in Magazinen wie Vogue, Financial Times, Monocle, AD, etc. auf. Außerdem werden Kollaborationen mit Designern/Architekten wie Philippe Starck, Hospitality-brands wie Rosewood oder Marken wie bulthaup unterhalten. Zufriedenheit vorhanden.











