Wö Grafenegg zur Ruhe kömmt
AutorHarald Scholl
AutorHarald Scholl

Für mich beginnt die alljährliche Präsentation der ÖTW in Grafenegg nicht mit dem ersten Schluck oder dem Konzert im Wolkenturm, sondern mit einem Detail, das auf den ersten Blick fast unscheinbar wirkt und doch erstaunlich viel über die Qualität dieser Veranstaltung verrät: den Tischen. Sie sind so großzügig, dass ich mich dort tatsächlich einrichten kann. Laptop, Aufzeichnungen, Unterlagen, Probegläser, alles findet seinen Platz. Nichts muss verrückt, umsortiert oder balanciert werden. Schon in diesem ersten Moment entsteht das Gefühl, hier nicht nur zu verkosten, sondern wirklich konzentriert und mit Freude arbeiten zu können.
Ein Ort für Präzision, Austausch und Atmosphäre
Vielleicht ist es genau das, was ich an Grafenegg so schätze. Diese Präsentation gibt mir Raum. Raum zum Arbeiten, zum Vergleichen, zum Nachdenken. Ich kann mir meine Flights so zusammenstellen, wie es für meine Verkostung und meinen redaktionellen Output sinnvoll ist. Nach Regionen, nach Winzern, nach Rebsorten oder entlang einer Frage, die mich gerade besonders beschäftigt. Das macht die Arbeit präzise. Ich kann Unterschiede klarer fassen, Entwicklungen besser nachvollziehen und Zusammenhänge genauer erkennen. Für mich liegt darin ein wesentlicher Qualitätsunterschied. Ich folge keiner starren Reihenfolge, sondern kann meinen eigenen Weg durch die Weine finden. Manchmal interessiert mich besonders, wie sich eine Herkunft im Glas abbildet. Manchmal richte ich den Fokus auf die Handschrift eines Betriebs. Und manchmal ist es die Rebsorte, die mich durch den Tag führt. In Grafenegg ist all das möglich, weil die Bedingungen stimmen. Die Verkostung ist klar strukturiert und zugleich offen genug, um sehr gezielt arbeiten zu können. Besonders wertvoll wird dieser Rahmen für mich durch den unmittelbaren Kontakt mit den Winzerinnen und Winzern. Die Weine werden von ihnen selbst gebracht, und genau das verändert die Verkostung. Aus dem ersten Eindruck im Glas wird ein Gespräch. Aus einer Beobachtung wird ein Austausch. Ich kann nachfragen, Eindrücke spiegeln, Hintergründe erfahren. Oft erschließt sich ein Wein auf diese Weise noch einmal tiefer, weil plötzlich nicht nur das Ergebnis sichtbar wird, sondern auch der Weg dorthin. Für mich gehört das zu den schönsten Seiten dieser Präsentation. Wein bleibt so nicht bloß Objekt der Verkostung, sondern wird als Ausdruck von Herkunft, Haltung und Entscheidung erfahrbar.

"Ich nehme von Grafenegg nie nur Verkostungsnotizen mit nach Hause, sondern immer auch Eindrücke, Gedanken und Gespräche, die nachklingen."
Dazu kommt die besondere Stimmung dieses Ortes. Grafenegg besitzt eine Ruhe, die der Konzentration guttut, und zugleich eine kulturelle Offenheit, die den Blick weitet. Das Rahmenprogramm empfinde ich deshalb nicht als Ergänzung, sondern als stimmigen Teil des Ganzen. Es verbindet Information und Kultur auf eine Weise, die unangestrengt wirkt und gerade deshalb überzeugt. Nichts drängt sich in den Vordergrund, und doch trägt alles dazu bei, dass diese Tage mehr sind als eine reine Fachveranstaltung.
Vielleicht liegt genau darin für mich der besondere Reiz dieser alljährlichen Präsentation. Sie schafft ideale Bedingungen für präzises Arbeiten und lässt zugleich Raum für Begegnung, Gespräch und Atmosphäre. Ich nehme von Grafenegg nie nur Verkostungsnotizen mit nach Hause, sondern immer auch Eindrücke, Gedanken und Gespräche, die nachklingen. Deshalb ist dieser Termin für mich weit mehr als ein Fixpunkt im Kalender. Er ist eine jener seltenen Gelegenheiten, bei denen sich fachliche Konzentration und persönliche Bereicherung auf ganz natürliche Weise verbinden. Und genau darauf freue ich mich jedes Jahr aufs Neue.
Über den Autor

Harald Scholl
Chefredakteur VINUM Deutschland
Harald Scholl ist Chefredakteur von VINUM Deutschland und des VINUM Weinguide Deutschland. Seit vielen Jahren gehört er zu den prägenden Stimmen im deutschsprachigen Weinjournalismus. Als Autor, Verkoster und Juryleiter verbindet er journalistische Erfahrung mit fundierter Weinexpertise. Zu seinen Verantwortungsbereichen zählen auch Wettbewerbe wie der Riesling Champion, der Deutsche Rotweinpreis und der Sekt Award.
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