

TÖUR DE VIN
Ein Tag durch Weingärten, Keller und Gespräche, die man so nirgendwo sonst führt.
AutorinKady Kirchmayr
AutorinKady Kirchmayr

Gaisberg 2016 im Glas. Manche Momente sprechen für sich.
Ich liebe die Geschichten hinter dem Wein. So sehr, dass ich es mir zur wöchentlichen Aufgabe gemacht habe, abwechselnd über Weingüter zu erzählen, oder eben zuzuhören. Und während ich es sehr schätze, mit Winzer:innen stundenlang zu telefonieren und sie auszufragen, ist es doch immer wieder etwas Besonderes, die Weingüter zu besuchen und am Ort des Entstehens anzukommen.
Stopp 1: Weingut Bründlmayer
Die Tour de Vin ist ein Unikum im Universum der – in Ermangelung eines besseren Worts – „Weinveranstaltungen“. Hier treffen die Nerds auf die langjährigen Weingutsfans, „Das war immer schon großartig!“ auf „Wieso genau ist das denn so gut“? Hier wird genauer ins Glas geschaut, nicht tiefer. Nicht ein Glas wird ausgeliehen, sondern gleich vier, um in Ruhe die Gaisberg-Vertikale bei Hirsch verkosten zu können. Und wenn Willi Bründlmayer zur Weingartentour oder Alwin Jurtschitsch zum Kellerrundgang lädt, dann werden denen mit Hingabe Löcher in den Bauch gefragt. Bei der Tour de Vin scheinen all jene unterwegs zu sein, die ehrliche Wertschätzung für die Arbeit der ÖTW aufbringen – und genau deshalb fühle ich mich hier wahrscheinlich so wohl. Aber der Reihe nach.
“Fast schicksalhaft, dass der allererste Stopp meiner persönlichen Tour de Vin auch quasi der erste Anstoßgeber der ÖTW-Gründung war.”
Die ersten Verkoster:innen stehen schon in den Startlöchern und ganz ehrlich, mit den Sekten von Bründlmayer lässt es sich gut anfangen. Aber wir sind hier nicht nur zum Verkosten – ein ganz besonderer Programmpunkt lockt: Willi Bründlmayer höchstpersönlich nimmt uns mit auf eine Runde durch die Weingärten. Die Gruppe an Interessierten ist dementsprechend groß, kurz wird organisiert, bis alle die richtige Mitfahrgelegenheit gefunden haben, dann geht’s los. Dem Willi hinterher, einmal durch Langenlois und hoch auf den Käferberg.

Dass wir hier oben mit einem Winzer stehen dürfen, der Jahrzehnte an Erfahrung und Geschichten mitbringt, ist ein Geschenk. Zwischen Historie und Bodenbeschaffenheit, klimatischen Entwicklungen, Weingartenhandwerk und der touristischen Erschließung des Kamptals ist wirklich alles an Themen dabei.
Ich nutze natürlich auch meine Chance, auf einem Zwischenstückerl mit dem Willi zu reden und frage ihn zu den Anfangszeiten der ÖTW aus – als das alles noch eine Idee war, die langsam reifen musste. „Passend, dass du das hier fragst. Weingartenwanderungen, so wie die von uns heute, waren eigentlich der Beginn der ÖTW.“ Willi erzählt, dass er und seine Mitstreiter:innen damals sehr viel in den Weinbergen unterwegs waren und sich die Lagen mehrfach erwandert hatten, bevor sie in Weinverkostungen feststellten, welche denn nun in ihren Augen als Erste Lagen klassifiziert werden sollten. Der Prozess war ein langwieriger, umso großartiger muss es wohl gewesen sein, das erste Mal „ÖTW Erste Lage“ auf einem Etikett gedruckt zu sehen. Wir sprechen auch über die aktuellen Entwicklungen, über das Thema Gesetzgebung, und Willi meint zum Abschluss: „Und das ist jetzt ein Next-Generation-Thema.“
Stopp 2: Weingut Hirsch
Für den Rest der Gruppe gibt’s nach der Weingartenwanderung noch den Käferberg am Weingut zu Verkosten, aber wir müssen weiter: Die Gaisberg-Vertikale bei Hirsch wartet! Wir fahren raus nach Kammern und landen im Verkostungsraum mit dem wahrscheinlich schönsten Ausblick auf eben diesen Weinberg. Drin wird von der ganzen Familie Hirsch einiges an gereiften Jahrgängen ausgeschenkt – hi there, Heiligenstein 2017 – und auf dem Rasen vor der Glasfront laden Snacks vom Esslokal in Hadersdorf zum Genießen ein. Genau das machen wir, einen Schluck Gaisberg 2016 im Glas, Esslokal-Goodies auf dem Tisch, die Sonne im Gesicht und die Weinberge vor uns. Sich von diesem Gartenstuhl wieder zu lösen, war echt nicht ganz einfach, aber wenn der Alwin Jurtschitsch seine Kellertüren öffnet – das passiert seiner Aussage nach nur ein paar Mal im Jahr – dann muss man schon dabei gewesen sein.

Tische auf der Wiese, Weinberge bis zum Horizont. Das Esslokal Hadersdorf liefert den Rahmen, den Rest erledigt die Landschaft.

Wein braucht gutes Essen. Das Esslokal weiß das.
Stopp 3: Weingut Jurtschitsch
Wieder zurück in Langenlois schreiten wir durch die Tore des altehrwürdigen Hofs und werden gleich mal von Alwin, Stefanie und den Kids in Empfang genommen. Letztere sind auch – Sorry Alwin – die eigentlichen Stars der Show, als es dann in den Keller geht. Sie sorgen dafür, dass niemand in den endlosen Kellergängen verloren geht, und kümmern sich auch zwischendurch mit Klettereinlagen auf den großen Holzfässern für Entertainment.
Das lässt Alwin in Erinnerungen an die eigene Kindheit am Weingut schwelgen, zwischendurch gibt’s aber auch eine Menge Fakten rund um die Weinbereitung. „Werde ich eh nicht zu nerdig?“, fragt er zwischendurch, und bekommt unisono ein „Nein!“ zurück.
Hier sind alle fasziniert, von den unzähligen Winkeln des Kellers, der Sammlung an alten Jahrgängen, den riesengroßen alten Holzfässern, die von der Geschichte des Weinguts erzählen und von der bedachten Art, mit der Alwin über seine Weine und die Zukunft des Weinbaus spricht.

Stopp 4: Weingut Malat
Wieder draußen im sonnigen Innenhof gönnen wir uns nach einer Verkostungsrunde zur Stärkung noch eine richtig geile Pizza vom Tyzzeria Truck, bevor es weiter ins Kremstal geht. Hier haben wir zwei Stopps eingeplant: Malat feiert 50 Jahre Sekt, da kann man schon mal vorbeifahren, um zu gratulieren und ganz nebenbei den allerschönsten Blick aufs Stift Göttweig zu genießen. Auf der Terrasse mischen sich Tour de Vin Besucher:innen mit den Gästen des kleinen, feinen Hotels, das die Malats direkt am Weingut betreiben. Ganz ehrlich, kein schlechter Zeitpunkt für ein Weinwochenende im Kremstal!

Verkostet mit Blick auf Stift Göttweig. Das Kremstal liefert die Kulisse, Malat den Wein.

Nach der Verkostung ist vor der Stärkung. Pizza und ein gutes Glas Wein, keine schlechte Zwischenstation auf der Tour de Vin.

Erste Lagen, aufgereiht und bereit. Am Geyerhof bekommt jeder Wein die Aufmerksamkeit, die er verdient.
Stopp 5: Weingut Geyerhof
Das Ende unserer Tour de Vin ist ein kleines bisschen wie Heimkommen. Jedes Mal, wenn ich am Geyerhof ankomme, bin ich wieder überwältigt davon, wie schön es hier ist. Da steckt so viel Liebe in diesen alten Mauern, so viel Gefühl für die schönen Dinge. Und wenn man dann mit Maria und Seppi Maier redet, weiß man auch sofort, woher das kommt. Hier bekommt alles seine Zeit, die Weine und die Menschen. Im Verkostungsraum treffen wir bekannte Gesichter, die sich allesamt diesen Ort für den Abschluss ihrer Tour ausgesucht haben – aus gutem Grund. Wir tauschen uns über die unterschiedlichen Routen aus, und über die Programmpunkte der einzelnen Weingüter, die oft weit über das Thema Vitis Vinifera hinaus gehen. Ein bisschen wehleidig bin ich persönlich ja, weil ich die Oldtimer verpassen musste, die am Vortag den Geyerhof beehrt hatten. Statt der motorisierten Spaßfahrzeuge gab’s hier am nächsten Tag Rennräder von Zweiradfreude anzuschauen und auszuprobieren – eine Faszination, die ich vielleicht nicht ganz teile, wohl aber viele andere Besucher:innen. Und wenn man dann im Detail alles zu diesen technologisch ausgefeilten Gefährten hört, stellt sich auf jeden Fall großer Respekt ein.
“Während ich mir noch ein paar Minuten im Geyerhof’schen Garten gönne, bevor sich die Kellertore wieder für ein Jahr schließen, weiß ich ganz genau, was die Tour de Vin so besonders macht. Hier kommen Menschen zusammen, die nicht nur die schönen Dinge schätzen, sondern auch die Arbeit und die Überlegungen, die dahinterstecken.”

Über die Autorin
Kady Kirchmayr
Co-Founder, Social Media Strategist & Content Creator




