
Wer entscheidet, was eine Erste Lage ist?
Klassifikation ist keine Wissenschaft. Oder doch? Was Frankreich konnte, musste Österreich neu erfinden.
AutorMichael Moosbrugger
AutorMichael Moosbrugger
Eine Klassifikation klingt nach Ordnung. Nach klaren Regeln, eindeutigen Kriterien, fertigen Antworten. Die Realität sah anders aus.
Die Gründungsväter der Vereinigung „Österreichische Traditionsweingüter“ (ÖTW) hatten schon zu Beginn in ihren Statuten festgeschrieben, dass sie eine Lagenklassifikation in den Weinbaugebieten Österreichs anstreben. Eine der bisher größten Herausforderungen der ÖTW war die Erarbeitung einer Strategie zur Umsetzung der Lagenklassifizierung. Was einfach geschrieben und definiert wurde, stellte sich in der Umsetzung als doch nicht so einfach heraus. Wenn man beginnt, über die Thematik nachzudenken, tun sich selbst dem erfahrenen Weinkenner viele Fragen auf. Nachdem es ja bis heute keine Rezepte zur Durchführung und Etablierung einer Klassifikation gibt, musste sich der Verein selbst der Aufgabe stellen, eine Systematik zur praktischen Umsetzung zu entwickeln.
Bevor man jedoch an die Sache heranging, mussten einige Grundsatzfragen geklärt werden. Zuallererst musste der Klassifizierungsgegenstand definiert werden. In der Weinwelt gibt es unterschiedliche Bereiche oder Inhalte, die klassifiziert werden können. Die Wahl der Inhalte erfolgte zumeist in Abhängigkeit von den jeweiligen Strukturen, Philosophien und Denkmustern in den jeweiligen Weinbaugebieten.
Bordeaux, Champagne, Burgund. Und Österreich?
In Frankreich haben sich verschiedene Klassifikationsmodelle herausgebildet. In Bordeaux, wo Weingüter in der Regel zusammenhängende Kultureinheiten bilden, aus denen in der Regel ein Wein gemacht wird, entwickelte sich eine Klassifikation der Weingüter. In der Champagne, die maßgeblich durch die Strukturen der dominierenden Champagnerhäuser geprägt war, etablierte sich eine Klassifikation der Dorfappellationen. In der als kleinbäuerlich strukturiert und in Besitzlandschaften fragmentiert charakterisierten Côte d'Or hat sich ab den 1930er-Jahren eine Klassifikation der Weinberglagen herausgebildet.
Bei näherer Betrachtung der Geschichte der Entstehung der Klassifikationen in Frankreich wird ersichtlich, dass eines der Hauptkriterien für die Einteilung in die jeweiligen Klassen auf den erzielten Marktpreisen beruhte. Diese Herangehensweise ist grundsätzlich nicht abwegig, sondern durchaus sinnvoll und realisierbar unter der Voraussetzung, dass bestimmte Kriterien für die Preisfindung von Weinen erfüllt sind. Die folgenden Aspekte erweisen sich hierbei als die wesentlichsten:
- Eine homogene Vermarktung der Weine entsprechend ihrer Herkunft.
- Die Preisfindung erfolgt unter Berücksichtigung von Angebot und Nachfrage in einer börsenähnlichen Struktur, in der keine künstlichen Verknappungen zu verzeichnen sind.
In Frankreich waren diese Voraussetzungen bei der Etablierung der Klassifikationen in den jeweiligen Gebieten durchaus gegeben, sodass sich eine Orientierung anhand der erzielten Preise der Weine an der Einteilung der Kategorien in den Klassifikationen sehr einfach durchführen ließ.



Warum der Preis eines Weines nicht seine Lage bewertet.
In Österreich sind diese Voraussetzungen in dieser Form nicht oder nur teilweise gegeben. Der österreichische Weinhandel und selbstvermarktenden Winzerbetriebe, bzw der Verkauf von Österreichischem Wein waren bis zum Zweiten Weltkrieg durch Herkunft und Herkunftsvermarktung geprägt. Nach dem Krieg erfuhren sie jedoch eine Entwicklung, die zu einer Umstellung vom damals üblichen gemischten Satz zu reinsortigen Pflanzungen führte. Die daraus resultierende Konsequenz bestand darin, dass die Weine Österreichs über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten vorwiegend unter Verwendung spezifischer Rebsortennamen vermarktet wurden. In den späten 1980er-Jahren wurde insbesondere im Donauraum rund um Krems das Thema Herkunft wieder verstärkt von den Spitzenwinzern priorisiert. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Handels- und Verkaufsstrukturen bereits fundamental gewandelt. Unter den bestehenden Vermarktungsbedingungen veräußerten Winzer in der Regel nicht die Gesamtheit der verfügbaren Menge an Wein eines Weingartens unter dem jeweiligen Lagennamen, sondern lediglich einen Teil dieser Menge. Dies lässt sich durch die Präferenz der Winzer erklären, lieber einen hohen Preis in der Preisliste zu führen, anstatt die gesamte Menge zu einem niedrigeren Verkaufspreis auf dem Markt zu platzieren. Die klassische Angebot- und Nachfrage-Systematik war daher nicht mehr gegeben.
Ein weit verbreitetes Missverständnis in Bezug auf Lagenklassifikationen ist die Annahme, dass die Klassifizierung die Qualität oder das Potenzial eines Weingartens bewertet.
Die Evaluierung der Qualität eines Weingartens erweist sich als eine anspruchsvolle Aufgabe, die mitunter als nicht lösbar betrachtet werden kann. Die Problematik resultiert aus der Unmöglichkeit, die Güte (Potential) eines Weingartens zu definieren. Im Rheingau wurden entsprechende Versuche unternommen, die als gescheitert angesehen werden müssen. Die in Frankreich vorgenommenen Klassifizierungen umgingen diese Fragestellung auf elegante Weise, indem nicht die Wissenschaft das Urteil fällte, sondern der Markt sowie Weinliebhaber, die bereit waren, höhere Preise für spezifische Weine aus bestimmten Weingärten zu entrichten. Die Einteilung in die diversen Klassen erfolgt demnach nicht auf der Grundlage der Güte des Weingartens, sondern seiner (Markt-) Bedeutung im Kontext seiner Geschichte und seines regionalen Umfeldes. Daher gelangte man bei den ÖTW-Winzern zur Erkenntnis, dass eine grundlegend neue Systematik zur Bewertung der Bedeutung von Weingütern im Kontext ihrer Geschichte und Kultur erforderlich wurde.
In einer demokratischen Gesellschaft stellt sich die Frage, wie die Bedeutung eines Weingartens objektivierbar und nachvollziehbar ermittelt werden kann. Da die Weinpreise nicht als alleiniger Parameter für die Beurteilung herangezogen werden können, wurde seitens des ÖTW eine Systematik entwickelt, die die Bedeutung eines Weingartens anhand mehrerer Kriterien beurteilt. Die Überlegung war, dass die Bedeutung eines Weingartens auf der Basis von unterschiedlichen Fragestellungen und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden könnte. Die Konstruktion einer einheitlichen Systematik unter Berücksichtigung der diversen Parameter sollte die Grundlage für die Entwicklung einer objektivierbaren Klassifikation bilden. Die zuvor dargelegte Überlegung diente als Grundlage für die Definition von Relevanzkriterien hinsichtlich der Beurteilung von Weinberglagen durch die ÖTW.
Woran misst man die Bedeutung eines Weingartens?
INHALTLICHE RELEVANZKRITERIEN
- Erste geschichtliche Erwähnung der Lage – Historische Relevanz
- Seit wann wird die Lage als Lage vermarktet? – Historische Relevanz
- Subjektive Einschätzung der Winzer – Subjektive Relevanz
- Gemeinschaftliche Einschätzung – Intersubjektive Relevanz
- Homogenität von Geologie der Lage – Inhaltliche Relevanz
- Homogenität von Klima der Lage – Inhaltliche Relevanz
- Homogenität von Ausrichtung der Lage – Inhaltliche Relevanz
ÖKONOMISCHE RELEVANZKRITERIEN
- Anzahl der Produzenten, die einen Wein aus der Lage produzieren – Quantitative Relevanz
- Anteil der Lage, aus der ein Lagenwein gemacht wird – Quantitative Relevanz
- Exportrepräsentanz – Distributions-Relevanz
- Durchschnittlicher Marktpreis – Ökonomische Relevanz
- Preisvarianz der Weine am Markt – Ökonomische Relevanz
QUALITATIVE RELEVANZKRITERIEN
- Expertenbewertung aller Weine aus einer Lage – Qualitative Relevanz
- Variation der Expertenbewertungen – Qualitative Relevanz
- Kontinuität über Zeit EXTERN – Qualitative Relevanz
- Blindverkostung der Winzer – Qualitative Relevanz
- Variation der internen Bewertungen – Qualitative Relevanz
- Kontinuität über Zeit INTERN – Qualitative Relevanz
Alle diese Faktoren sind zwar einzeln betrachtet nicht sehr aussagekräftig, aber in einer Multifaktor-Analyse, bei der sie gemeinsam ausgewertet werden, ergeben sie ein schlüssiges Bild, das die sogenannte "Klassifikationsstärke" zum Ergebnis hat. Nach erfolgter Auswertung ergibt sich eine Reihung der Lagen nach dem Klassifikationsstärke-Faktor.
ÖTW Erste Lagen
145
145 Erste Lagen wurden von der ÖTW klassifiziert als die besten und charakterstärksten Weinbergslagen Österreichs.
Warum nicht jede Lage eine Erste Lage sein kann.
Ein wesentlicher Aspekt bei Klassifikationen ist die Frage, wie groß und umfangreich die jeweiligen Kategorien sein können. In der Welt der Weinliebhaber ist es von entscheidender Bedeutung, dass Begriffe im internationalen Kontext glaubwürdig bleiben. Bei einer Betrachtung der Tatsache, dass in Frankreich, abhängig vom Gebiet, lediglich 2 bis 5 Prozent der Weingartenfläche als Grand Cru klassifiziert sind, würde die Glaubwürdigkeit verloren gehen, würde man 30 Prozent eines Gebiets als Grand Cru klassifizieren. Eine Einigung hinsichtlich der Größe der jeweiligen Kategorie ist daher von entscheidender Bedeutung. Daher haben die ÖTW für die jeweiligen Gebiete Grenzwerte für die maximale Größe definiert, die sich an den Größenordnungen in Frankreich orientieren (ÖTW.Erste Lagen: rund 15 Prozent der Rebfläche; ÖTW.Große Lagen: rund 5 Prozent der Rebfläche). Unter Berücksichtigung dieses Begrenzungsfaktors können die Lagen nun den jeweiligen Kategorien zugeordnet werden.
Ein Prozess, der Österreich verändert hat.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist der Faktor Zeit in einem solchen Prozess. Bei der Beurteilung der Bedeutung von Lagen gibt es einige Faktoren, die als stabil zu bezeichnen sind (etwa historische Fragen, Geologie etc.), während andere Faktoren einem stetigen Wandel unterliegen (etwa Preise, Mengen etc.). Die Entscheidung des ÖTW, die Meinung externer Experten in den Klassifikationsprozess einzubeziehen, erfordert eine ausreichende Anzahl an Datensätzen, um signifikante Ergebnisse zu erzielen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, diese Evaluierungen über einen längeren Zeitraum hinweg durchzuführen, um fundiertere Ergebnisse zu erzielen.
“Die ÖTW haben beschlossen, sich für die Evaluierung und Klassifizierung der "ÖTW.Erste Lagen" 15 bis 20 Jahre Zeit zu nehmen, und bei der Kategorie "ÖTW.Große Lagen" wird ein fünf- bis zehnjähriger Evaluierungszeitrahmen angesetzt.”
Über den Autor

Michael Moosbrugger
Obmann ÖTW Bundesverband, ÖTW Winzer
Michael Moosbrugger(*1966) ist im Skiort Lech am Arlberg aufgewachsen, indem seine Familie das Relais & Chateau Hotel Gasthof Post führt. Nach der Übernahme des elterlichen Betriebs durch Bruder Florian beginnt er 1992 seine Ausbildung im Weinbereich in den Weingütern Fritz Salomon und Josef Jamek. 1996 übernimmt er die Verantwortung für das Weingut Schloss Gobelsburg. Als Mitgliedsbetrieb der Österreichischen Traditionsweingüter wird der Schwerpunkt der Produktion konsequent auf Herkunftsweine umgestellt. Das Weingut wird unter seiner Führung mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, wie "Falstaff Weingut des Jahres", "Goldene Glas" in Schweden, Top 100 Winery of the year (Wine & Spirits Magazin USA).
Seit 2007 ist er Obmann des Vereins ‚Österreichische Traditionsweingüter‘ und entwickelte ein Lagen Klassifikationsmodell für Österreich.
Michael Moosbrugger lebt mit seiner Frau Eva und den drei Kindern in Gobelsburg.
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