Die härtesten Kritiker sitzen im eigenen Verein.

Warum die interne Blindverkostung der ÖTW mehr ist als ein Qualitätscheck.

Über uns4 Min. Lesezeit

AutorinDaniela Dejnega

Jeder Wein wird blind eingeschenkt.

Wie die ÖTW ihre Riedenweine intern prüfen

An einem nebelverhangenen Morgen im Januar geht im Weinkompetenzzentrum Krems ein ganz besonderes Tasting über die Bühne: die interne Verkostung der Österreichischen Traditionsweingüter. Hier werden die aktuellen Weine der Ersten Lagen nicht etwa von Fachleuten aus Presse, Handel oder Gastronomie beurteilt, sondern von den ÖTW-Winzer*innen selbst. Organisiert ist das Ganze als Blindverkostung mit über 300 Weinen, und alle ÖTW-Mitglieder sind zumindest an einem von zwei Verkostungstagen zur Teilnahme verpflichtet.

Ein nüchterner Raum für eine präzise Aufgabe

Der helle, einem Klassenzimmer ähnliche Verkostungsraum in Krems wirkt nüchtern, bietet aber alles, was man für ein seriöses Tasting braucht: Jeder Platz ist mit sechs Weingläsern, einem Spucknapf und einer Karaffe Wasser bestückt; auf einem Blatt Papier können die Punktewertungen für jeden einzelnen Wein eingetragen werden. In meiner Rolle als mitverkostende Beobachterin nehme ich in den hinteren Reihen Platz. Die Atmosphäre gleicht entspannter Aufmerksamkeit. Man spürt sofort, dass diese Verkostung von allen Anwesenden ernstgenommen wird. „Die Stilistik der Weine von den Ersten Lagen ist breit gefächert“, sagt der Wagramer Biowinzer Martin Diwald, „und die interne Verkostung zeigt einfach sehr gut, wo man mit den eigenen Weinen steht.“

Bevor es losgeht, spricht Michael Tischler-Zimmermann, der Geschäftsführer des Vereins ÖTW, einleitende Worte und erinnert die an zügiges Verkosten gewöhnten Winzer und Winzerinnen daran, jedem Wein entsprechend viel Zeit im Glas zu geben. Für einen Flight mit sechs Weinen sind 15 Minuten eingeplant. So werden zwei Verkostungsgruppen im Lauf des Tages fast 160 Weine in aller Ruhe bewerten können.

Blind, gebietsübergreifend, vergleichbar

Das Januar-Tasting umfasst genau jene Weine, die bereits beim Single Vineyard Summit des Vorjahres in Grafenegg präsentiert wurden, jedoch werden sie hier in Krems sowohl blind als auch gebietsübergreifend verkostet. Das heißt, die Weine sind lediglich nach Rebsorte und Jahrgang gruppiert, in Bezug auf Gebiete und Lagen aber bunt durchgemischt. Das macht die Sache noch spannender, hat aber auch einen guten Grund.

Andreas Wickhoff vom Weingut Bründlmayer, der den Ablauf der internen Verkostung über die Jahre mitentwickelt hat, meint:

„Gebietsübergreifend zu verkosten, macht total Sinn. Damit haben wir das Profil der Verkostung geschärft, können die Weine möglichst wertfrei probieren und besser herausfinden, ob sich einzelne Rieden tatsächlich qualitativ von den anderen absetzen. Den Weinen bewusst mehr Zeit im Glas zu geben, war ebenfalls ein wichtiger Schritt, zudem hat es sich bewährt, die Rotweine gleich in der Früh zu verkosten. Schlussendlich werden die internen Verkostungen dabei helfen, unsere zukünftigen „Großen Lagen“ an der Spitze der Qualitätspyramide zu definieren.“

Andreas Wickhoff MW, ÖTW Mitglied


Die eigenen Weine erkennen? Gar nicht so einfach.

 Die anwesenden ÖTW-Winzer*innen – mitunter handelt es sich um den/die Kellermeister*in eines Weinguts – sind jedenfalls von Anfang an hochkonzentiert bei der Sache, kosten, spucken und machen sich eifrig Notizen zu den Weinen. Die Gelegenheit, zu sehen, wie die eigenen Weine in der Blindverkostung performen, wird offenbar geschätzt. Meine Frage, ob ihre eigenen Weine in diesem Setting für die Winzer*innen gut zu erkennen seien, wird überwiegend mit „Nein“ beantwortet. „Ich erkenne meine Weine nicht regelmäßig, gestern allerdings habe ich einen von ihnen identifizieren können“, verrät Franz Leth, der sich für beide Verkostungstage Zeit genommen hat. Als kleine Herausforderung werden von organisatorischer Seite einzelne „Piraten“, also Nicht-ÖTW-Weine, in das Line-up geschmuggelt. Diese zu erkennen, ist keineswegs einfach, nur Agnes Mantler traf bei dem in eine Riesling-Serie eingeschleusten Wachauer voll ins Schwarze. Die Kremstalerin bleibt unbeeindruckt:

„Genauso wichtig wie die Verkostung ist für mich, in der Mittagspause mit den Kollegen und Kolleginnen zu sprechen. Unser Verein ist ja in den vergangenen Jahren stark gewachsen, zuletzt kamen die Thermenregion und das Weinviertel hinzu, daher kenne ich noch gar nicht alle ÖTW-Mitglieder persönlich und entdecke hier immer wieder neue Gesichter.“

Agnes Mantler, ÖTW Mitglied


Prüfung und Austausch gehören zusammen

So dient die interne Verkostung einerseits der akribischen Bewertung der Weine, ist aber andererseits ein wichtiger Treffpunkt für die Vernetzung und den Austausch unter den Winzer*innen.

Als die perfekt organisierte Verkostung am Nachmittag zu Ende geht, werden alle Bewertungsbögen eingesammelt. Nun gilt es, alle Daten zu digitalisieren und nach einem ausgeklügeltem System auszuwerten. Die Weingüter erhalten die Ergebnisse der Verkostungen später in Form einer „Rieden-Analyse“ – ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zur Lagenklassifikation.

Über die Autorin

Daniela Dejnega

Daniela Dejnega

Journalistin

Die Weinjournalistin Daniela Dejnega ist gebürtige Oberösterreicherin und entdeckte ihre Leidenschaft für das Thema Wein während des Studiums an der Universität für Bodenkultur. So begann sie 2003 in der Weinbranche zu arbeiten, absolvierte die Ausbildung zur Weinakademikerin in Rust (2008) und widmet sich seit 2011 hauptberuflich dem Schreiben über Wein.

Neun Jahre war sie in der Redaktion des Fachmagazins „Der Winzer“ tätig. Ihre Artikel über Wein sind in diversen Publikationen erschienen – unter anderem im Magazin Weinwisser, bei Vinum, Vinaria, Genuss-wein.pur, auf wein.plus und im US-Online-Magazin TRINK. Zudem schreibt sie für die Kundenzeitung von WEIN & CO und wirkt fallweise als Kolumnistin für die Salzburger Nachrichten.

Daniela Dejnega verfasste in Kooperation mit der Weinjournalistin Luzia Schrampf zwei Bücher: „111 Österreichische Weine, die man getrunken haben muss“ (emons 2019) und „111 Schaumweine aus aller Welt, die man getrunken haben muss“ (emons 2022). Für drei Jahre, von 2023 bis 2025, übernahm die kompetente Verkosterin die Leitung des Gault & Millau Weinguides Österreich.

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