

Braucht man eine Lagenklassifizierung?
AutorMichael Moosbrugger
AutorMichael Moosbrugger

Die Frage nach der Notwendigkeit von Klassifikationen in der Weinwelt wird unter Produzenten, Händlern und Weinexperten seit jeher diskutiert. Auch in Österreich wurde in den letzten Jahrzehnten intensiv über die Vor- und Nachteile dieser Frage debattiert.
Aus heutiger Sicht erscheint es nahezu unverständlich, dass sich die Gründer der ÖTW überhaupt dem Thema Lagenklassifizierung zugewandt haben. In den frühen 1990er-Jahren war Burgund eine renommierte Weinregion, hatte allerdings auch ein von Inkonsistenz und Undurchschaubarkeit geprägtes Image. Damals hatten Bordeaux oder die Toskana mit neuen Starweinen à la Tignanello oder Sassicaia eine Vorbildwirkung, auf die alle Augen gerichtet waren. Wozu also sollte man dem Modell der Côte d’Or folgen?
Oft hörte man das Argument, dass Klassifikationen heutzutage einfach nicht mehr zeitgemäß seien. Sie riechen nach dem 19. Jahrhundert und passen einfach nicht in das Gefüge einer individualistisch-liberalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Mithin seien diese Instrumente autoritär, so die vielfach vorgebrachte Argumentationslinie. Den ÖTW ging es jedoch keineswegs um derlei Fragestellungen, sondern rein um die Notwendigkeit im Sinne des Handels und der Konsumenten.
“Die Arbeit der ÖTW basiert auf der Überzeugung, dass die gemeinschaftliche Vermarktung von Wein innerhalb einer Winzergemeinschaft die sozialste und demokratischste Form der Vermarktung von Wein ist.”
Die Herkunftsvermarktung bietet den Winzern eines Gebiets viele Vorteile. Durch die gemeinsame Verwendung von Herkunftsbegriffen bei der Vermarktung von Wein können sie diese Begriffe – insbesondere in kleingliedrigen Strukturen – am Markt und unter Weinliebhabern leichter bekannt machen. Gerade unbekanntere Winzer profitieren von der Vorarbeit bekannter Weinbaubetriebe, die diese Herkunftsbegriffe auf dem Markt etabliert haben.


Die Vermarktung von Herkunft hat allerdings auch Nachteile. Man bedenke, dass auf der Gebietsebene mit einer noch einigermaßen überschaubaren Anzahl von Begriffen agiert wird (in Österreich gibt es derzeit 18 regionale Appellationen (DAC)). Auf der Ortsebene kommen wir österreichweit schon auf 900 Begriffe und auf der Ebene der Lagen (Rieden) sprechen wir von rund 4.300 Begriffen. Selbst für österreichische Experten ist es eine Herausforderung, hierbei den Überblick zu bewahren, für Fachleute im Ausland ist es schier aussichtslos.
Der große Vorteil einer Klassifikation besteht darin, dass man bei einer weltweiten Kommunikation Kategorien (Klassen) und deren Inhalte sowie deren Qualitätsversprechen einfacher kommunizieren kann als die große Anzahl an Orts- oder Lagennamen, die in den Klassen enthalten sind. Wenn es einer Gemeinschaft gelingt, Kategorien (Klassen) von Weinen mit einem Qualitätsanspruch zu definieren, dann ist die Kommunikation mit Kunden – speziell, wenn es sich bei der Systematik um bereits gelernte Konzepte aus anderen Regionen handelt – um ein Vielfaches einfacher. Wenn ein Sommelier in London, Paris, New York oder Tokio an einen Tisch geht und einen „Ried Heiligenstein” präsentiert, dann ist es für ihn wesentlich einfacher, den Gästen das Qualitätsversprechen dieser Weinkategorie zu vermitteln, selbst wenn diese noch nie von einem „Heiligenstein” gehört haben. Zwar wissen sie nicht, welchen konkreten Wein sie bekommen werden, aber durch Informationen wie „Erste Lage“ oder „Große Lage“ können sie den Qualitätsanspruch des betreffenden Weins zumindest einschätzen. Dies ist langfristig eine wertvolle Orientierungshilfe auf allen Ebenen der Weindistribution. Aus diesem Grund haben sich Klassifikationen in Frankreich so gut bewährt: Gebiete mit Klassifikationen haben sich besser entwickelt als Gebiete ohne Klassifikationen.
“In der Welt des Fine Wine schafft eine Klassifikation Orientierung in einem zunehmend komplexen Markt. Sie bündelt historisches Wissen, macht Qualität vergleichbar und schützt Herkunft. Doch ihr größter Wert liegt nicht in Hierarchien, sondern in Transparenz: Sie hilft Sammlern, Händlern und Winzern, Exzellenz nachvollziehbar zu machen, ohne die Vielfalt großer Terroirs einzuschränken.”

Über den Autor

Michael Moosbrugger
Obmann ÖTW Bundesverband, ÖTW Winzer
Michael Moosbrugger(*1966) ist im Skiort Lech am Arlberg aufgewachsen, indem seine Familie das Relais & Chateau Hotel Gasthof Post führt. Nach der Übernahme des elterlichen Betriebs durch Bruder Florian beginnt er 1992 seine Ausbildung im Weinbereich in den Weingütern Fritz Salomon und Josef Jamek. 1996 übernimmt er die Verantwortung für das Weingut Schloss Gobelsburg. Als Mitgliedsbetrieb der Österreichischen Traditionsweingüter wird der Schwerpunkt der Produktion konsequent auf Herkunftsweine umgestellt. Das Weingut wird unter seiner Führung mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, wie "Falstaff Weingut des Jahres", "Goldene Glas" in Schweden, Top 100 Winery of the year (Wine & Spirits Magazin USA).
Seit 2007 ist er Obmann des Vereins ‚Österreichische Traditionsweingüter‘ und entwickelte ein Lagen Klassifikationsmodell für Österreich.
Michael Moosbrugger lebt mit seiner Frau Eva und den drei Kindern in Gobelsburg.
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