Warum bei der besten Weinverkostung der Welt nicht gesprochen wird.

Warum bei der besten Weinverkostung der Welt nicht gesprochen wird.

Single Vineyard Summit4 Min. Lesezeit

AutorinDorli Muhr

Beim Single Vineyard Summit in Schloss Grafenegg gehen die Meinungen in der Beurteilung der Weine oft weit auseinander. Das liegt in der Natur der Sache, denn Geschmack ist nun mal eine höchstpersönliche Angelegenheit. Bei einer Sache sind sich die Teilnehmer:innen aber einig: „Das ist die beste Weinverkostung der Welt.” Und das, obwohl Wein für Geselligkeit steht und beim Single Vineyard Summit nicht gesprochen wird.

4 Fragen, die ich mir dazu gestellt habe, nachdem ich vom Single Vineyard Summit 2025 zurückkam.

Unter welchen Bedingungen lassen sich große Weine erkennen?

 „Silent Tasting“ heißt das Motto beim Single Vineyard Summit.

Bei diesem professionellen Tasting geht es um Stille und Konzentration, raschen, präzisen Service und maßgeschneiderte Auswahl, denn das Fachpublikum möchte eine möglichst große Zahl an Weinen verkosten und präzise bewerten. Leiten sich davon doch Ratings, Kaufentscheidungen und die Auswahl für anspruchsvolle Weinkarten ab.


Mit dem Silent Tasting schafft die ÖTW eine wahrlich unnatürliche Verkostungssituation, die Wein als soziales Medium aufbricht und unabhängig davon herauszufinden versucht, was Qualität wirklich ausmacht.

Dorli Muhr

Ist es der feste Rahmen oder die große Freiheit dieser Verkostung, die den Unterschied machen?

Wie im Klassenzimmer sitzen die wichtigsten Weinbewerter:innen der Welt in der weitläufigen ehemaligen Reitschule in Schloss Grafenegg für mehrere Tage auf festen Plätzen. Mit kleinen Bestellbons ordern sie jeweils sechs Nummern aus der vor ihnen liegenden Liste der gut 600 Einzellagenweine. Reihenfolge, Zusammenstellung und Tempo der Verkostung bleiben ihnen selbst überlassen. Manche beginnen bei 1 und arbeiten sich in Sechser-Schritten bis zum letzten Wein. Andere sortieren die Kostliste zuerst nach Sorten, oder sie verkosten jedes Weingut gebündelt.

“Die persönliche Ausgestaltung der Verkostung bietet viel mehr Raum für die eigene Wahrnehmung, und ist gleichzeitig ein Weg, den zu verkostenden Weinen eine unglaubliche Wertschätzung zukommen zu lassen.”

Dorli Muhr

Was immer sie auf die Bestellzettel schreiben, die sechs Weine werden ihnen in Windeseile serviert. Ob zweihundert Weine an einem Vormittag oder doch nur 80 Weine an einem ganzen Tag, um jedem Wein Zeit zu geben, sich im Glas zu entwickeln und jede Nuance zu zeigen, bleibt dabei jeder der über 120 verkostenden Personen selbst überlassen.

Verkostungstage

4

Platz pro Slot

120

Side-Events

8

Klar wird auf alle Fälle, dass sich das Silent Tasting ganz bewusst vom klassischen Verkostungsrahmen mit gemeinsamem Tisch, vorgegebener Reihenfolge, Rhythmus und dem direkten Austausch mit anderen Tester:innen löst und stattdessen auf Fokus, Präzision und die individuelle Freiheit der Verkostenden setzt.

Welche wichtige Aufgabe hat diese Vielzahl an präzisen Bewertungen, die über mehrere Tage in Stille entstehen?

Wenn die internationale Weinbranche sich in mehreren Tagen einen Überblick über die spannendsten Weine Österreichs gebildet hat, bevor diese auf den Markt kommen, beginnt für die Traditionsweingüter selbst der große Arbeitsakt:

Denn die Bewertungen der Fachleute sind ein wichtiger Input für die Lagenklassifikation, die in ihre nächste Etappe geht. Derzeit sind es 145 Erste Lagen, die als die besten des Landes gelten. Doch in einem nächsten Schritt werden sich die besten aus diesen Ersten Lagen herauskristallisieren. Diese werden dann die Klassifikation „Grosse Lage“ tragen. Aber welche Weinbergslagen kandidieren dafür? Die Bewertungen des Single Vineyard Summits werden in eine riesige Datentabelle zusammengefügt, und nun werden die Ratings lagenweise betrachtet.

Denn für eine Große Lage reicht es nicht, dass ein einzelner Wein herausragend ist, sondern dass sich diese Qualität in allen Weinen einer Herkunft in der Verkostung bestätigt.


Und wo bleibt die Geselligkeit?

Es ist genau das Gegenspiel aus Stille und Austausch, das diese Verkostung so stark macht. Die Abende gehören der Geselligkeit. Dann kommen die Stärken von Wein zum Zug, er verbindet Menschen, regt zum Austausch an und stiftet Fröhlichkeit. Dazu kommen die vielen Freundschaften, die diese Branche mit sich bringt. Bei Konzerten, Dinners, Weingartenpicknicks, oder einfach bei einem köstlichen Glas Bier, das nach einer intensiven Weinverkostung nie fehlen darf.


Über die Autorin

Dorli Muhr

Dorli Muhr

ÖTW Winzerin, Unternehmerin

Die österreichische Kulinarik- und Kommunikationsexpertin Dorli Muhr (*1965) leitet seit 1991 die international renommierte Agentur Wine+Partners, spezialisiert auf strategische Kommunikation für Wein, Kulinarik und Tourismus. Mit ihrem Weingut am Spitzerberg in Carnuntum zählt sie zur Spitze des österreichischen Weinbaus und ist Mitglied der ÖTW (Österreichische Traditionsweingüter). Ihre Weine prägen international das Bild eleganter österreichischer Rotweine.

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